Und plötzlich ist die Windel schon wieder voll - Durchfall beim Kind.
Autor: Dr. Marc Golombeck
Es ist kein großes Drama, eher dieses leise „Da stimmt was nicht“: Du gehst ins Kinderzimmer, dein Kind ist unruhig. Vielleicht weint es, vielleicht ruft es nach Dir, vielleicht schaut es dich einfach nur mit diesem geschwächten Blick an. Und dann: die Windel ist übervoll. Oder der Weg zur Toilette. Oder das Bettlaken.
Durchfall fühlt sich für Eltern immer „viel“ an. Weil es schnell geht. Weil es plötzlich kommt. Und weil du sofort an Austrocknung des Kindes denkst – und das zu Recht.
Was war heute eigentlich alles los?
Wenn man über den Tag nachdenkt, tauchen oft die kleinen Hinweise auf, die vorher belanglos wirkten:
- Kita/Schule: „Heute waren irgendwie viele krank.“
- Das eine Glas Saft mehr, „weil es sonst nichts trinken wollte“.
- Bauchgrummeln, wenig Appetit, einmal kurz übel.
- Vielleicht sogar schon ein Erbrechen am Nachmittag?
- Oder: Das Kind war eigentlich fit – und dann kommt es auf einmal mit Wucht.
Bei Kindern ist Durchfall sehr häufig infektiös (klassischer Magen-Darm-Infekt). Und genauso häufig ist er am Anfang unspezifisch: ein bisschen Unruhe, ein bisschen Bauchweh, dann plötzlich wässrige Stühle.
Wichtig: Du musst nicht sofort das ganze Problem auf einmal lösen. Du brauchst vielmehr jetzt einen klaren Plan: Trinken sichern – Warnzeichen erkennen – Hygiene im Griff behalten.
Durchfall ist nicht gleich Durchfall – und bei Babys ist „weich“ oft normal
Gerade bei Säuglingen ist die Stuhlkonsistenz sowieso ein wackeliges Thema: Gestillte Babys haben oft flüssige bis breiige Stühle und teils sehr unterschiedliche Häufigkeiten – das kann völlig normal sein. (Thieme Connect)
Als „Durchfall“ zählt eher das, was Eltern meist sehr gut beschreiben können:
- plötzliche Veränderung gegenüber dem üblichen Stuhl (deutlich wässriger, deutlich häufiger, „schießt raus“),
- oft begleitet von Erbrechen, Bauchkrämpfen oder Fieber. (Thieme Connect)
Die 3 Dinge, die jetzt wirklich zählen
1) Flüssigkeit (und Salze) ersetzen – am besten mit oraler Rehydratationslösung (ORS)
Bei Durchfall verliert der Körper nicht nur Wasser, sondern auch Salze. Genau dafür sind orale Rehydratationslösungen (ORS / Elektrolytlösungen aus der Apotheke) gemacht. (NICE)
2) Dein Kind beobachten – nicht nur den Stuhl
Die wichtigste Frage ist nicht „Wie oft?“, sondern:
- Trinkt es?
- Ist es wach und reagiert normal?
- Kommt genügend Urin?
3) Ansteckung bremsen (zu Hause und in der Kita)
Gastroenteritis ist oft hoch ansteckend. Gerade zB Norovirus verbreitet sich extrem leicht. (Infektionsschutz)
Der praktische Plan für zu Hause – als Erste Hilfe
Schritt 1: Ruhig bleiben, Lage checken
- Wie wirkt dein Kind insgesamt (fit / schlapp / apathisch)?
- Wie lange dauert der Durchfall schon an?
- Gibt es Erbrechen? Fieber? Schmerzen?
- Kommt noch Urin? (Windel nass / Toilettengang normal)
Schritt 2: Trinken organisieren (kleine häufige Portionen)
Wenn dein Kind erbricht: Das ist der Trick, der fast immer hilft:
- 5–10 ml alle 1–2 Minuten (Teelöffel, Spritze, kleinen Becher) – und langsam steigern. (CDC)
- Große Schlucke „weil es durstig ist“ enden oft im nächsten Erbrechen! (CDC)
Wenn dein Kind nicht erbricht, aber Durchfall hat:
- regelmäßig anbieten, lieber öfters - als viel auf einmal.
Welche Getränke?
- Am besten: orale Rehydratationslösungen (Elektrolytlösung nach Packungsanleitung). (NICE)
- Zusätzlich je nach Alter: Wasser, ungesüßter Tee, Milch wie gewohnt (siehe Altersteil). (NICE)
- Nicht ideal (und eher weglassen): Saft, Cola, Limo – vor allem bei kleinen Kindern, weil Zucker/„Blubber“ Durchfall verschlimmern kann und nicht gut rehydriert. (NICE)
Schritt 3: Essen – ja, aber passend zum Moment
- Während der aktiven Rehydratation (wenn du wirklich ORS „aufbaust“): nicht zwingend feste Kost – erst Flüssigkeit stabilisieren. (NICE)
- Sobald es besser ist: Zur gewohnten Nahrung zurück. (NICE)
- Typisch gut verträglich: Kartoffeln, Reis, Nudeln, Brot, Banane, Zwieback, Joghurt, Gemüse – eher mild. (CDC)
- Sehr fettig und sehr zuckerlastig besser erstmal meiden. (CDC)
Schritt 4: Medikamente – hier bitte sehr zurückhaltend sein!
- Antibiotika sind bei typischer viraler Gastroenteritis meist nicht nötig. (NICE)
- Durchfall-stoppende Mittel (Antidiarrhoika) sollen bei Kindern nicht eingesetzt werden. (NICE)
- Gegen Fieber/Schmerzen gilt: alters- und gewichtsgerecht (das besprecht ihr bei Bedarf mit der Ärztin).
Schritt 5: Kurz notieren (hilft beim Arztbesuch mehr, als man denkt)
- Beginn (Uhrzeit), Häufigkeit, Erbrechen ja/nein
- Trinkmenge grob
- Urin (Windeln/Toilette)
- Fieber
- Blut im Stuhl ja/nein
Das spart Stress – und macht eine telefonische Einschätzung viel präziser. (Eine gute Erst-Einschätzung kann helfen zu klären, ob und wie dringend ihr kommen solltet.) (Thieme Connect)
Was tun je nach Alter?
1) Neugeborene (0–28 Tage): bitte sehr früh reagieren
Bei Neugeborenen kann sich eine Austrocknung sehr schnell entwickeln – und Durchfall ist in diesem Alter seltener „nur ein bisschen Magen-Darm“.
Was du zu Hause tust
- Nicht experimentieren. Kein „abwarten bis morgen“, wenn du unsicher bist.
- Trinken anbieten (Stillen/Flasche wie gewohnt).
- Wenn mehrere wässrige Stühle + Trinkschwäche/Schläfrigkeit: schnell ärztlich abklären.
In diese Kategorie fallen bei Neugeborenen besonders schnell die Warnzeichen (siehe weiter unten). Wenn du nachts das Gefühl hast „das ist nicht mein Kind“: lieber einmal mehr Hilfe holen.
2) Babys (ab 1 Monat bis 12 Monate): Flüssigkeit ist der Schlüssel
Bei Babys ist Durchfall häufig viral – aber Babys trocknen schneller aus.
Was du konkret tust
- Stille weiter, so oft dein Baby möchte. (NICE)
- Bei Flaschenkindern: Milch wie gewohnt, wenn die Rehydratation läuft bzw. nach kurzer Stabilisierung wieder normal geben. (NICE)
- ORS zusätzlich/unterstützend, besonders wenn die Stühle sehr wässrig sind oder Erbrechen dabei ist. (NICE)
- Wenn Erbrechen dabei ist: Flüssigkeit miniweise geben (5–10 ml alle 1–2 Minuten). (CDC)
Besonders aufmerksam bei Babys und schnell medizinische Hilfe aufsuchen, wenn…
- weniger nasse Windeln,
- trockener Mund, keine Tränen,
- auffällige Schläfrigkeit oder „komisch“,
- wiederholtes Erbrechen.
3) Kleinkinder (1–3 Jahre): „Trinken organisieren“ + Windelbereich schützen
Kleinkinder können schon besser mitmachen – aber sie sind auch Weltmeister im „Nein“.
Was hilft in echt
- Orale Rehydratationslösung in kleinen Portionen (einzelne Schlucke, Löffel, Spritze, Eiswürfel-Style, wenn’s klappt).
- Trinken spielerisch anbieten, aber ohne Druck.
- Essen nach Appetit – nicht hungern lassen, sobald die Flüssigkeit stabil ist. (NICE)
- Wunderwaffe gegen wunden Po: häufiges Wechseln verschmutzter Sachen, besser Wasser statt Feuchttücher verwenden (wenn wund), Hautschutzcreme.
4) Kinder (ab 4 Jahren): meist gut zuhause machbar – wenn Warnzeichen fehlen
Schulkinder trinken oft besser, können Symptome genauer sagen und sind insgesamt stabiler – trotzdem gilt:
Was du tust
- Viel trinken, ORS wenn nötig.
- Saft/Cola/Limo erstmal weglassen – gerade bei starkem Durchfall. (NICE)
- Normales Essen nach Appetit wieder aufnehmen. (NICE)
- Beobachten: Urin, Kreislauf, Bauchschmerzen, Blut im Stuhl.
Die Stelle, an der man nicht diskutiert: Warnzeichen!
Hol bitte umgehend ärztliche Hilfe (je nach Situation auch sofort), wenn eines davon zutrifft:
- dein Kind wirkt teilnahmslos, ungewöhnlich schläfrig, reagiert schlecht
- sehr wenig oder kein Urin (Windeln bleiben trocken / kaum Toilettengang)
- anhaltendes Erbrechen, sodass Trinken nicht drin bleibt
- Blut im Stuhl oder schwarzer Stuhl (Teerstuhl)
- starke Bauchschmerzen, harter Bauch, deutliche Verschlechterung
- Fieber + deutlich schlechter Allgemeinzustand
- Neugeborenes / sehr junges Baby (hier lieber großzügig früher ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen)
Hygiene: wie du den „Magen-Darm-Kreisel“ stoppst
Gerade Norovirus ist zB der Klassiker für „ein Kind – und zwei Tage später die ganze Familie“. Es wird massenhaft ausgeschieden und bleibt auch nach dem Abklingen noch eine Weile im Stuhl nachweisbar. (Infektionsschutz)
Die wichtigsten Punkte für eine gelungene Hygiene zuhause
- Hände waschen mit Wasser und Seife – das ist entscheidend. (Handdesinfektion alleine ist zB bei Norovirus nicht zuverlässig.) (CDC)
- Nach Windelwechsel/Toilette: gründlich waschen, auch unter den Fingernägeln.
- Erbrochenes/Stuhl zügig entfernen, Flächen reinigen.
- Wäsche (Handtücher, Bettwäsche, Schlafanzug) heiß waschen, wenn möglich.
- Erkrankte sollten für mindestens 48 Stunden nach Ende der Symptome nicht in Gemeinschaftseinrichtungen zurück.
Wie lange dauert das Krankheitsgeschehen normalerweise?
Als grobe Orientierung kann dienen:
- Erbrechen meist 1–2 Tage,
- Durchfall häufig 5–7 Tage, bei vielen Kindern ist es spätestens innerhalb von 2 Wochen vorbei. (NICE)
Wenn es deutlich länger geht oder sich verschlimmert: ärztlichen Rat einholen!
Ein Satz zur Impfung, weil er in der Praxis oft „zu spät“ kommt
Rotaviren sind eine häufige Ursache von Brechdurchfall bei Säuglingen – und bei ihnen kann Austrocknung besonders gefährlich werden. Die STIKO empfiehlt die Rota-Schluckimpfung ab einem Alter von 6 Wochen, möglichst früh starten und altersgerecht abschließen. (Infektionsschutz)
Und jetzt ganz praktisch: Wann und wo kann Hilfe geholt werden?
Bei Unsicherheit lieber einmal zu früh als zu spät:
- Unsere Akutsprechstunde: Mo–Fr 10:30–11:30 Uhr
- Notarzt: 112 bei akuten Notfällen
- Außerhalb der Sprechzeiten: 116117 (kassenärztlicher Bereitschaftsdienst)
- Kontakt zur Praxis: Tel. 0371 – 80811649 (kinderarztpraxis-neukirchen.de)
Der wichtigste Satz ist nicht „Das wird schon“. Sondern: Ich schaue hin. Ich nehme es ernst. Und ich weiß, wann ich Hilfe hole.
