Unkontrollierter Medienkonsum

Handy, Tablet, YouTube, Gaming: Wie Eltern wieder Chef im eigenen Wohnzimmer werden

Autor: Dr. Marc Golombeck FAQ

Neulich im Wartezimmer: Ein Kind (so um die 6 Jahre) sitzt da – und wirkt trotzdem am eigenen Handy komplett weg. Daumenwischen, Daumenwischen, Daumenwischen. Die Mutter schaut kurz rüber, dann wieder aufs eigene Handy. Und ich denke: Wir haben nicht „zu viel Bildschirmzeit“. Wir haben zu wenig Plan.

Und ja: Ich weiß, wie das klingt. Aber wenn du gerade das Gefühl hast, dein Kind klebt am Display und du wirst zum „Handy-Polizisten“ – dann bist du nicht allein. Die gute Nachricht: Man muss nicht Technik studiert haben, um das wieder in den Griff zu bekommen. Man braucht zwei Dinge: klare Regeln und echte Gespräche.


Erstmal ehrlich: „Wie lange?“ ist die falsche Einstiegsfrage

Eltern fragen oft: Wie viele Minuten sind noch okay? Natürlich helfen grobe Leitplanken als Orientierung – aber dieser Punkt ist wichtiger: Zeit an den Medien erklärt nicht allein, warum es zuhause eskaliert.

Hier sind drei Fragen, die wirklich helfen das Problem genauer anzuschauen:

  • Wann nutzt mein Kind Medien? (morgens vor der Schule? direkt vorm Schlafen?)
  • Wo nutzt es Medien? (im Kinderzimmer allein? mitten im Familienleben?)
  • Was nutzt es? (ruhiger Lerninhalt? Endlos-Scroll-Feed? Spiel mit Kaufdruck?)

Wenn du diese drei Hebel bewegst, wird „wie lange“ oft auch automatisch besser.


Baustelle 1: Schlaf – das unterschätzte Drama am Abend

Viele Familien kennen das: Das Kind ist „eigentlich müde“, aber nach Tablet/Handy am Abend nochmal so richtig aufgedreht. Bildschirmlicht und intensive Inhalte am Abend können den Schlafrhythmus durcheinanderbringen – einfach, weil das Gehirn dann nicht runterfahren und in den Schlafmodus kommen kann.

Eine Regel für zuhause, die erstaunlich oft Frieden bringt: Mindestens 60 Minuten vor dem Schlafen keine schnellen Bildschirmmedien. Nicht als Strafe. Sondern als Schutz. Schlaf ist bei Kindern der Turbo für Stimmung, Lernen, Immunsystem – da lohnt es sich, konsequent zu sein.

Wenn du nur eine einzige Regel einführen willst: Abends kommt das Handy raus aus dem Kinderzimmer. Punkt.


Baustelle 2: YouTube – genial, aber nicht „für Kinder gemacht“

Für viele Kinder ist YouTube das neue Fernsehen. Das Problem: Es ist nicht „ein Sender“, sondern ein System aus Empfehlungen, Werbung und Kommentaren. Da rutscht man schneller in Müll als Eltern glauben.

Mein Rat aus der Praxis: Bei jüngeren Kindern gilt „gemeinsam schauen“ statt „mach mal allein“. Wenn YouTube bei euch läuft, helfen ein paar simple Rahmen:

  • feste Zeiten statt Dauer-Hintergrund-Konsum
  • im Familienraum, nicht allein im Kinderzimmer konsumieren
  • bei kleineren Kindern: kindgerechte Bereiche/Apps nutzen und freie Suche nach Inhalten eher einschränken
  • regelmäßig fragen: „Was guckst du da – und was macht das mit dir?“

YouTube kann super sein – aber unbeaufsichtigt als Dauerbeschäftigung ist es selten eine gute Idee.


Baustelle 3: Gaming – das eigentliche Problem ist nicht immer das Spiel, sondern meistens die Geld- und Trickkiste dahinter

Viele Eltern streiten über „Roblox“, „Fortnite“, „Brawl Stars“. Oft geht’s aber gar nicht um Inhalte oder „Zeit“. Es geht um Mechaniken, die die Kinder schwer durchschauen und die die Schwächen der Kinder voll ausnutzen.

Worauf du achten solltest:

  • In-App-Käufe: Geld wird von Kindern in Sekunden ausgegeben – oft ohne echtes Preisgefühl.
  • Überraschungskisten/Lootboxen: Bezahlen, um auf „Glück“ zu hoffen – extrem reizvoll für Kinder.
  • Manipulative Designs („nur heute“, Glücksräder, „Belohnung nach Werbung“, Zeitdruck): Alles gebaut, um dran zu bleiben oder zu kaufen.

Die 5-Minuten-Schutzmaßnahme, die du heute machen kannst:

  • In-App-Käufe sperren bzw. Passwortpflicht aktivieren (Handy/Konsole)
  • eine klare Familienregel: „Geld im Spiel nur mit Rücksprache – immer.“

Das ist kein Technik-Krieg. Das ist Verbraucherbildung – in der heutigen Zeit schon im Kinderzimmer notwendig.


Baustelle 4: Social Media – nicht nur Risiko, aber ohne Regeln wird’s oft toxischer Konsum

Soziale Netzwerke sind nicht nur „schlecht“. Sie können Kreativität und Zugehörigkeit fördern – aber sie sind nicht neutral. Sie sind gebaut, um Aufmerksamkeit zu binden.

Was Eltern praktisch hilft:

  • Profile gemeinsam einrichten
  • Privatsphäre-Einstellungen aktiv setzen (wer sieht was, wer kann schreiben, wer darf folgen)
  • Regeln fürs Posten: „Keine privaten Daten, keine peinlichen Inhalte, keine Fotos anderer ohne Zustimmung.“

Ein Thema, das Eltern oft unterschätzen: Kinder als Content. Wenn Kinder dauerhaft gefilmt, gepostet oder „für Likes“ inszeniert werden, geht Privatsphäre verloren – manchmal irreversibel. Meine klare Haltung: Das Kinderzimmer ist kein Studio.


Baustelle 5: „Alle haben WhatsApp“ – und plötzlich stehst du allein da

Viele Apps werden faktisch früher genutzt, als Eltern es sinnvoll finden. Das erzeugt Gruppendruck – und Eltern wirken dann wie die einzigen, die „nein“ sagen.

Ein Satz, der in Familien oft besser funktioniert als lange Vorträge: „Ich bin nicht gegen die App. Ich bin dafür, dass du damit klar kommst.“

Dann folgen konkrete Bedingungen:

  • Handy nachts raus
  • keine Chats mit fremden Nummern
  • sofort sagen, wenn Nachrichten komisch/bedrohlich/sexualisiert sind
  • keine Bilder weiterleiten, die anderen schaden

Baustelle 6: Ab wann ist ein Smartphone sinnvoll?

Die ehrliche Antwort: Nicht ab einem bestimmten Alter, sondern ab einer bestimmten Reife. Ein eigenes Smartphone ist für viele Kinder vor der weiterführenden Schule schlicht nicht nötig. Wenn es trotzdem Thema wird, hilft dieser Blick:

Ein Smartphone wird sinnvoll, wenn es einen echten Zweck gibt – nicht nur „weil alle eins haben“:

  • dein Kind ist regelmäßig allein unterwegs (Schulweg / Sport / Freunde) und ihr wollt erreichbar sein
  • es gibt Absprachen, die unterwegs wirklich relevant sind (Abholen, Verspätung, Planänderung)
  • dein Kind kann Regeln einhalten, ohne dass jeden Abend Krieg ist

Wichtiger als das Alter im Ausweis sind diese 6 Reife-Signale:

  • Dein Kind akzeptiert „Stopp“ auch mal, ohne komplett zu eskalieren.
  • Es kann Frust aushalten (z. B. „Heute nicht“) und beruhigt sich wieder.
  • Es versteht grob: „Nicht alles im Netz ist wahr.“
  • Es kann Privates unterscheiden: Was bleibt privat – was gehört nicht ins Internet?
  • Es schläft halbwegs stabil – und ihr seid bereit, Abendregeln konsequent durchzuziehen.
  • Es kann dir erzählen, wenn etwas komisch war – statt es zu verstecken.

Wenn der einzige Grund „Erreichbarkeit“ ist: Dann reicht oft erstmal ein einfaches Handy (Telefonieren/SMS) oder ein streng eingerichtetes Gerät. Das nimmt Druck raus – und verhindert, dass „Kommunikation“ plötzlich „Endlos-Apps“ bedeutet.

Merksatz für Eltern:

Smartphone ist kein Geschenk. Es ist ein Stück Verantwortung — für euch und fürs Kind.


Baustelle 7: Cybermobbing - der größte Fehler ist die „Handy weg!“-Drohung

Wenn Kinder online Ärger erleben, erzählen sie es oft nicht – aus Angst, dass ihnen das Handy weggenommen wird. Deshalb gilt: erst zuhören, ernst nehmen, Unterstützung zusagen. Keine reflexhafte Strafe.

Wenn du nur einen Plan brauchst, dann diesen:

  • ruhig bleiben, Kind ernst nehmen
  • Beweise sichern (Screenshots)
  • blockieren/melden
  • Schule/Umfeld einbeziehen, wenn nötig
  • Kind stärken: Es ist nicht schuld, dass andere sich daneben benehmen

Baustelle 8: Grooming & Sexting - unangenehm – aber wegducken hilft niemandem

Das ist der Teil, den Eltern gern überspringen. Verständlich. Aber genau da passieren die Dinge, die später richtig wehtun.

Die Familienregel, die dein Kind wirklich schützt: „Wenn dich jemand zu Bildern drängt oder dir komische Sachen schreibt: Du bekommst keinen Ärger – du bekommst Hilfe.“

Kinder brauchen die Sicherheit, dass sie sich melden können, ohne dass es „knallt“. Das ist oft der entscheidende Unterschied.


Baustelle 9: KI-Chatbots im Kinderalltag

Viele Kinder probieren KI-Chatbots aus – aus Neugier oder für Hausaufgaben. Es gibt viele Chancen, aber auch Risiken: Die Antworten klingen oft überzeugend, können aber falsch sein, da KIs oft “halluzinieren”. KIs sind keine Wissensdatenbanken oder Lexika!

Familienregel für KI, die Kinder verstehen: „KI ist wie ein schneller Mitschüler: manchmal hilfreich, manchmal aber total falsch.“

Und als Praxis-Tipp: Bei Hausaufgaben gilt „KI darf helfen – aber du musst erklären können, was du verstanden hast.“


Die 12-Minuten-Checkliste: „Wir kriegen das wieder sortiert“

Wenn du heute Abend anfangen willst, ohne dein Leben umzubauen:

  • 1) Ein Ladeplatz für alle Geräte (außerhalb des Kinderzimmers)
  • 2) In-App-Käufe sperren / Passwortpflicht
  • 3) YouTube: bei Kindern besser nur begleitete Nutzung und freie Suche einschränken
  • 4) Zwei handyfreie Inseln schaffen: Essen + letzte Stunde vor dem Schlafen
  • 5) Ein Satz, der felsenfest abgemacht werden sollte in der Familie: „Wenn online etwas komisch ist, sagst du es uns bitte sofort.“

Das ist nicht perfekt. Muss es auch nicht sein. Aber es ist ein Anfang, der Wirkung hat.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast: „Bei uns ist das gerade ein Thema“ — mach’s dir leicht: Nimm dir diese drei Fragen mit (oder bring sie zum nächsten Termin mit):

  • Was ist bei uns der Haupt-Stressor: Zeit, Inhalte, Schlaf oder Streit?
  • Welche eine Regel würde bei uns sofort Entlastung bringen?
  • Was braucht mein Kind von mir: Grenze, Begleitung oder Hilfe beim Ausstieg?

Wenn ihr festhängt (Dauerstress, Schlaf kippt, heimliche Nutzung, Mobbing/Belästigung, massiver Rückzug): Sprich uns in der Sprechstunde gezielt darauf an. Dann sortieren wir das gemeinsam: Was ist noch „normal“, was ist ein Warnsignal – und welcher nächste Schritt bringt euch wirklich weiter.


Zum Schluss – noch einmal konkret: Medienerziehung ist Beziehung

Man kann Filter setzen, Zeiten begrenzen, Apps sperren. Alles okay. Aber der Kern bleibt: Dein Kind braucht dich als Gegenüber. Nicht als Aufpasser. Nicht als Richter. Als Erwachsene Person, die das Chaos aushält und trotzdem führt.

Wenn ihr zuhause dauerhaft Streit habt, der Schlaf kippt oder dein Kind sich zurückzieht: Das ist kein „Erziehungsversagen“. Das ist ein Signal. Und Signale sind dafür da, dass man hinschaut – gemeinsam.

(Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Bei konkreten Sorgen rund um Schlaf, Stimmung, Medienzwang, Mobbing oder sexualisierte Übergriffe: bitte ärztlich/psychologisch beraten lassen.)