Fieber bei Kindern: Was ist normal – und wann wird es dringend?
Autor: Dr. Marc Golombeck
Wenn Eltern bei uns anrufen wegen Fieber, sagen viele als Erstes die Zahl: „39,6!“. Verständlich. Man schaut aufs Thermometer, das Kind ist heiß, die Nacht wird lang – und plötzlich fühlt sich alles nach „Notfall“ an.
Nur: Die Zahl allein entscheidet selten. Viel wichtiger ist, wie Ihr Kind wirkt, ob es trinkt und ob es andere Warnzeichen gibt. Genau so empfehlen es auch Leitlinien: Fieber immer im Zusammenhang mit Allgemeinzustand, Wohlbefinden und Warnzeichen bewerten (AWMF S3-Leitlinie, AWMF Elternleitlinie).
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung und Beratung. Wenn Sie ein ungutes Gefühl haben: Melden Sie sich!
Erstmal kurz alles sortieren
Schauen Sie weniger auf das Thermometer – mehr auf Ihr Kind:
- Ansprechbar? Reagiert es auf Sie, schaut es, meckert es (ja, auch meckern zählt)? (AWMF S3-Leitlinie, NICE NG143)
- Trinken? Gelangen Flüssigkeit und (bei Babys) Milch einigermaßen rein ins Kind (und bleiben auch drin)? (AWMF S3-Leitlinie, kindergesundheit-info)
- Atmung? Ruhig oder sichtbar angestrengt (Einziehungen, Nasenflügeln, „ringt“ es nach Luft)? (AWMF S3-Leitlinie, NICE NG143)
- Urin? Windeln nass / Toilettengänge – oder wird es deutlich weniger? (Hinweis auf mögliche Austrocknung) (AWMF S3-Leitlinie, kindergesundheit-info)
- Schmerzen? Stark und nicht zu beruhigen (z. B. Ohr, Bauch, Kopf)? (AWMF S3-Leitlinie)
- Gesamtbild: „Noch ok dabei“ oder „irgendwie weg“? (AWMF S3-Leitlinie, NICE NG143)
Merksatz: Lieber ein Kind mit 39 °C, das noch trinkt und reagiert – als ein Kind mit 38 °C, das apathisch wirkt (AWMF S3-Leitlinie, NICE NG143).
Ab wann ist es Fieber?
Als grobe Orientierung:
- Erhöhte Temperatur: etwa ab 37,5–38,0 °C
- Fieber: etwa ab 38,0–38,5 °C
- Hohes Fieber: etwa ab 39,0 °C
Wichtig: Bei sehr kleinen Babys gelten niedrigere Schwellen – in der AWMF-S3-Leitlinie wird z. B. unter 3 Monaten ≥ 38,0 °C als Fieber herangezogen (AWMF S3-Leitlinie, AWMF Elternleitlinie).
Wozu Fieber überhaupt?
Fieber ist meistens kein „Fehler“ des Körpers, sondern Abwehrarbeit. Leitlinien betonen: Fieber ist häufig eine hilfreiche Reaktion und gehört zu vielen Infekten dazu (AWMF Elternleitlinie).
Darum ist das Ziel selten das Kind unbedingt fieberfrei zu bekommen - viel praktischer ist:
- Ihr Kind soll ausreichend trinken können (AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info).
- Es soll zur Ruhe kommen (AWMF Elternleitlinie).
- Schmerzen sollen aushaltbar sein (AWMF S3-Leitlinie).
Richtig messen, damit die Zahl verlässlich ist
Bei kleinen Kindern gilt rektal oft als besonders zuverlässig (Körperkerntemperatur). Viele Elterninfos empfehlen bei Säuglingen/Kleinkindern deshalb rektales Messen oder zumindest ein verlässliches Vorgehen (HealthyChildren/AAP, Mayo Clinic).
- Rektal (Po): häufig am verlässlichsten (besonders bei Babys) - aber bitte immer mit Vorsicht (HealthyChildren/AAP)!
- Ohr/Stirn: kann praktisch sein, schwankt aber leichter (Gerätesitz, Schweiß, Haare) und ist manchmal sehr ungenau (HealthyChildren/AAP, Mayo Clinic).
Praxis-Tipp: Wenn die Zahl nicht zum Kind passt („wirkt fit, aber angeblich 40°C“): nochmal messen – möglichst an einem verlässlichen Messort (HealthyChildren/AAP, Mayo Clinic).
Was zuhause wirklich hilft (ohne Zaubertricks)
1) Nicht überheizen
Kind nicht zu warm einpacken – leichte Kleidung/angenehmes Raumklima (kindergesundheit-info).
2) Trinken vor Essen
Bei Fieber ist Flüssigkeit zentral; Essen darf ruhig einmal weniger sein (AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info).
3) Ruhe und Nähe
Schonung/Bettruhe und Zuwendung helfen immer weiter (kindergesundheit-info).
4) Nase frei erleichtert Trinken/Schlafen
Eine freie Nase ermöglicht und erleichtert oft das Trinken und Schlafen (AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info).
5) Wadenwickel?
Wadenwickel können ergänzend eingesetzt werden, sind aber kein Muss – und sollten kindgerecht/verträglich sein (kindergesundheit-info).
Fieber senken: wann es Sinn ergibt
Leitlinien und Elterninformationen betonen regelmäßig: Fiebersenker vor allem dann, wenn das Kind deutlich beeinträchtigt ist (Schmerz/Unwohlsein, Trinken/Schlaf kaum möglich) – aber nicht allein nur „wegen der Zahl“ auf dem Fieberthermometer (AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info, NHS).
Wichtig: Dosierungen für Fiebersenker hängen am Gewicht und Alter des Kindes. Im Blog nennen wir bewusst keine Medikamente und Dosierungen. Nutzen Sie die Packungsbeilage des Medikaments was Ihnen verordnet wurde wenn Ihnen die Dosierung unklar ist oder fragen Sie unsere Kinderärztin oder Ihre Apotheke direkt um Rat (Sicherheitsprinzip, v. a. bei kleinen Kindern) (AWMF Elternleitlinie).
Fieber-Ampel (einfach, aber hilfreich) - Was konkret tun?
Die Idee einer „Ampel“ als Entscheidungshilfe für Eltern orientiert sich an etablierten Risikosystemen (z. B. NICE-Traffic-Light), die Zeichen für niedrigeres vs. höheres Risiko für einen ernsten Verlauf gegeneinander abwägen (NICE NG143, NICE Traffic-light Tabelle).
Hier eine einfache „kurze“ Ampel als Hilfe im Akutfall:
| Ampelfarbe | Typisches Verhalten des Kindes | Was jetzt? |
|---|---|---|
| 🟢 Grün | Kind reagiert, trinkt, Atmung ruhig | Zuhause betreuen, Verlauf beobachten und ggf. notieren (AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info) |
| 🟡 Gelb | Kind deutlich krank, trinkt schlechter, Schmerzen, Verlauf verschlechtert sich | Rücksprache mit Praxis / außerhalb unserer Sprechzeiten Vorstellung im kinderärztlichen Bereitschaftsdienst (AWMF S3-Leitlinie, 116117 – Bereitschaftsdienst) |
| 🔴 Rot | Alarmzeichen (siehe unten) zB Atemnot, Krampf, schwer weckbar | Sofort Hilfe organisieren (Notarzt - 112) (AWMF S3-Leitlinie, Notruf 112) |
Alarmzeichen: dann bitte nicht abwarten!
Warnzeichen werden zB in der AWMF-S3-Leitlinie explizit aufgeführt (u. a. Bewusstseinsstörung, Atemnot/auffällige Atmung, nicht wegdrückbarer Ausschlag, Austrocknung) (AWMF S3-Leitlinie). Ähnliche „sofort abklären“-Hinweise finden sich auch in zahlreichen anderen Elterninfos (NHS).
Bitte die Situation umgehend abklären lassen bei folgenden Symptomen:
- Atemnot / starke Atemarbeit mit Nasenflügeln oder Einziehungen / bläuliche Lippen (AWMF S3-Leitlinie)
- Kind ist teilnahmslos, schwer weckbar, irgendwie „weg“ (AWMF S3-Leitlinie)
- Krampf oder Bewusstseinsstörung (AWMF S3-Leitlinie, Notruf 112)
- Nackensteife / starke Kopfschmerzen / Lichtscheu (altersabhängig) (NHS)
- Punktförmiger Ausschlag, der sich nicht wegdrücken lässt (Glas-Test) (AWMF S3-Leitlinie)
- Zeichen von Austrocknung: deutlich weniger Urin, sehr trockener Mund, sehr schlapp, trockene Windel (AWMF S3-Leitlinie, kindergesundheit-info)
- Starke, anhaltende Schmerzen oder rasche Verschlechterung (AWMF S3-Leitlinie)
Säuglinge: hier ist die Schwelle niedriger!
Bei sehr jungen Babys wird in Leitlinien/Elterninfos eine besonders niedrige Schwelle zur Abklärung betont – insbesondere bei Fieber im frühen Alter (AWMF S3-Leitlinie, AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info). Lieber einmal mehr Hilfe holen als weniger!
FAQ – häufige Fragen
Wie lange ist Fieber „normal“?
Wenn Fieber länger anhält oder das Kind nicht besser wird, ist ärztliche Rücksprache sinnvoll. Elterninfos bezeichnen „länger anhaltend“ als länger als einige Tage als Anlass zur Abklärung (kindergesundheit-info). Wenn Sie sich unsicher sind, kommen Sie in unsere Akutsprechstunde und stellen Sie Ihr Kind vor.
Kann Zahnen Fieber machen?
Zahnen kann die Temperatur leicht erhöhen. Hohes Fieber oder ein sehr krankes Kind sollte man aber nicht automatisch auf Zahnungsbeschwerden schieben – bei Unsicherheit lieber bei uns abklären lassen (kindergesundheit-info).
Muss ich jedes Fieber senken?
Nein. Fiebersenker sollen vor allen Dingen bei starker Beeinträchtigung des Kindes (s.o.) zum Einsatz kommen (AWMF Elternleitlinie, kindergesundheit-info).
Ab wann ist es „zu hoch“?
Zustand des Kindes und die anderen Warnzeichen sind wichtiger als die Zahl auf dem Fieberthermometer allein (AWMF S3-Leitlinie, AWMF Elternleitlinie, NICE NG143). Ein sehr hohes Fieber ist oft mit anderen Warnzeichen vergesellschaftet. Dann müssen Sie unbedingt handeln!
Fieberkrampf – was mache ich?
Bei einem Krampfereignis ist eine ärztliche Abklärung unbedingt notwendig! Bei anhaltendem Krampf/Notfallzeichen unbedingt den Notarzt (112) rufen (Notruf 112).
Trinken klappt schlecht – worauf soll ich jetzt achten?
Urinmenge und Zeichen der Austrocknung (trockener Mund, Schlappheit, Apathie, s.o.) sind entscheidend (AWMF S3-Leitlinie, kindergesundheit-info). Sollten Sie Zeichen der Austrocknung bei Ihrem Kind beobachten, muss es dringend ärztlich vorgestellt werden!
Stand: Januar 2026. Inhalte ersetzen keine individuelle ärztliche Beratung.
